Acht pfundige Sprengladungen von im gleichen Maße rohem und schlauem, erfinderischem und vielfältigem Hardcore Punk erwarten uns auf der ersten EP dieser Kalifornier, deren Sound einerseits einiges gemeinsam hat mit solchen oldschool Hardcore-meets-Garage Punk-Bands á la Strutter, Headcheese, frühen Electric Chair, Insane Urge und Necron 9, diese Ästhetik aber mit dem unvorhersehbaren, strukturierten Chaos von etwas quirligeren, irgendwie anders verdrahteten Bands wie Mystic Inane, Cucuy, Acrylics, Big Bopper und Rolex verschweißt.
Zwei Titanen des kontemporären Garage-/Synth-/Eggpunk machen hier zum zweiten mal gemeinsame Sache auf einer neuen Goodbye Boozy 7″, welche drei neue Songs plus die Tracks der 2023er Genetic Southern Hemisphere Christmas EP enthält und was soll ich da groß zu sagen… der Scheiß klingt ziemlich genau so wie man sich eine Busted Head Racket & Billiam-Kollaboration vorstellen würde. Will sagen: Saumäßig gut, das beste aus beiden Welten zum Quadrat und mit der unverwechselbaren Handschrift von zwei der kreativsten Gehirne des australischen Garage Punk-Untergrunds.
Dieser Typ aus Sheffield begeisterte zwischen 2020 und ’21 mit drei ausgezeichneten EPs von Lockdown-induziertem, melodischem Garage Punk und auch diese Songs, so scheint es, gammelten bereits seit dieser Zeit in unvollendeter Form auf irgendeiner Festplatte herum und haben jetzt endlich den finalen Schliff verpasst bekommen. Wie zu erwarten gibt es hier keine besonderen Überraschungen – diese Songs knüpfen nahtlos an das hohe Niveau der Vorgänger an in der Form von supereingängigen und schnörkellosen Punktunes, die zu etwa gleichen Teilen von Buzzcocks und (Solo-) Jay Reatard inspiriert erscheinen mit zusätzlichen Parallelen zu den massiven Garage Punk-Detonationen von Kid Crome und – in jüngerer Zeit – den einfach gestrickten, fuzz-beladenen Garage-/Noise Pop-Hymnen von Sex Mex.
Ich finde das ist mal absolut brillianter Scheiß, dieses Demo einer New Yorker Band. Die charmant rustikale Lo-Fi-Ästhetik der Aufnahmen vermag es dabei nicht im geringsten, die offensichtlichen Qualitäten ihrer so eingängigen wie auch schlagkräftigen Herangehensweise an Fuzz- und Garage Punk zu verschleiern, die eine starke Note von Wipers-meet-KBD-mäßigen Vibes verströmt und darüber hinaus etwas von einem Saints-, Buzzcocks- oder Dead Boys-Flair hat. Aber noch mehr passiert hier unter der Haube, schält sich z.B. bei näherer Betrachtung doch auch eine leichte Ahnung von Southern Rock heraus, wie wir sie neulich etwa auf der Elvis 2 LP gehort haben, während die kraftvolle, tighte Darietung und das angepisste Gebelle des Sängers mir australische Bands im Umfeld von Split System und Punter ins Gedächtnis rufen. In einigen Momenten könnte man auch plausible Vergleiche ziehen zu dem fieberhaften Post Punk von Nervosas oder dem roheren Ende des Booji Boys-Spektrums.
Hier kommt noch mal ein halbes Tetrapak des eierigen Garage-/Synth Punks auf uns zu in Form dieses charmanten Häufchens von Demoaufnahmen einer Band aus Melbourne, von denen, so geht das Gerücht um, auch schon amtlicher produzierte Aufnahmen existieren sollen, die wir dann hoffentlich bald zu hören bekommen. Wie schon auf ihrer ersten EP im Frühjahr, wird auch dieser Scheiß das Genre nicht neu definieren aber liefert dennoch eine reichhaltige Ladung infektiöser Songs ab, die sich weitgehend an die Spezifikationen und Tropes des kontemporären Garage-/Eggpunk halten und dabei im Vergleich zum Debüt noch mal deutlich zugelegt haben in Sachen Konsistenz uns schierer Catchyness.
Thyroids aus Dallas, Texas hatten schon einige Jahre in variierenden Styles und Vibes herumgeschaufelt, aber sind erstmals so richtig auf Gold gestoßen mit der ausgezeichneten EP Toppings and Droppings aus dem letzten Jahr. Und jetzt, anlässlich ihres ersten Langspielers, haben die ihren Sound erneut mal ziemlich durchgeschüttelt und diversifiziert, mit nur noch leichten Rückständen des Synth Punk-Sounds, welcher den Vorgänger noch dominiert hatte. Der Opener ABCs of Assimilation entzückt mit einer Variante von verwinkeltem Post-meets-Garage Punk-Scheiß á la Reality Group, Uranium Club oder Exit Group und obendrein ein bisschen Skull Cult. Letzteres trifft sogar noch mehr auf Tracks wie Static/Dynamic und The New Poor zu, die gleichzeitig aber auch einen unbestreitbaren Knowso-Vibe ausstrahlen. The Loot und Don’t Ask, Dumbass sind schnörkellos präzise Hardcore-Schläge in die Magengrube. Daily Habits hüllt die Band in eine fast schon Egg-mäßige Tarnkleidung wohingegen Enterview und Suited & Tied etwas von einer Math Rock-Kante haben, die vage an so Bands der Sorte Big Bopper, Rolex, Brandy und Mystic Inane erinnert. Check Engine Light beschwört eine oldschoolige Useless Eaters oder Ex-Cult-Energie herauf. Cop Out ist ein ultrafokussierter Garage Punk-Smasher, der den maximalen Effekt aus einem althergebrachten Riff ausbeutet und der letzte Song !!! Click Now To Claim Your Reward !!! springt dann wieder kopfüber in die bereits erwähnten Skull Cult- und Uranium Club-Versatzstücke zu einem absolut hypnotischen Ergebnis.
Eine durchweg verblüffende Debüt-LP kommt hier von einem Duo aus Alamance, North Carolina, die darauf eine hypnotisch-vernebelte Mischung aus Noise Rock, Post Punk, oldschooligem Indie Rock und den dunkelsten Gassen des Americana-Spektrums erschafft. Letztere Tendenz kommt dabei oft so rüber wie eine hartnäckigere und treibendere Variante des staubigen Southern Gothic-Charmes von den (paradoxer Weise) aus New York operierenden Weak Signal, hat in vielen Momenten aber auch Spuren des bluesigen Proto-Noise Rock von Feedtime oder Scratch Acid, dem Swamp Rock von ’80er Scientists. Die alles durchtränkende Melancholie des Ganzen erinnert mich einerseits wiederum an eher in Richtung Indie Rock tendierende Bands wie die Australier Kitchen’s Floor und Treehouse oder das frühe Schaffen der Londoner Witching Waves, andererseits aber auch an den dunklen Post Punk etwa von den auf der Auckland/Berlin-Achse agierenden Trust Punks und Dead Finks, den tiefschwarzen Abgründen der in Atlanta ansässigen Uniform, Glittering Insects, Mother’s Milk oder dem Folk-infizierten, tief in der Schuld von Angst und Meat Puppets stehenden Neo-Proto-Grunge von Bands wie Pig Earth aus Bellingham, Washington und Dharma Dogs aus Madison, Wisconsin. Das alles ist dann hier meisterlich aufbereitet zu zehn all-killer-no-filler Melodramas in prachtvollem Cinemascope und auf einer Basis der opulenten Klangarchitektur und brilliant eingefädelten Dramaturgie.
Exzellenter Garage-lastiger Horror Punk von gleich noch so einer Band aus Minneapolis. Ich muss zugeben ich war nicht sofort davon überzeugt, kann ich doch den Opener Lobotomized ihres Langspieldebüts nicht anders beschreiben als ein wenig richtungslos, aber dankenswerter Weise findet die Platte nachfolgend schnell ihre Balance und alle weiteren Tracks sind eigentlich ein ganz anderes Level, wie da Stilmittel aus früh-’80er Goth- und Death Rock mit Elementen von frühem Westküsten-Punk und -Hardcore kollidieren sowie Riffs und Solos, die vielmehr der Mottenkiste des ’70er Metal und Motörpunk entspringen zu scheinen, in einer erfinderischen und verdammt tighten Entladung von derbe süchtig machenden Hooks.
Meditation aus Minneapolis zünden hier eine Handvoll ausgesprochen prächtiger Postcore-Sprengsätze, die sich wohl grob an dem etwa von Drive Like Jehu und – mehr noch – Hot Snakes etablierten Strickmuster orientieren, das später dank so Bands wie Wymyns Prysyn oder Bloody Gears seine zweite Jugend erlebt hat, wobei ich es in diesem spezifischen Fall aber auch für besonders angebracht halte, so Krempel wie Ascot Stabber oder Flowers Of Evil nicht unerwähnt zu lassen, sozusagen die ungleich räudigere Seite der gleichen Medallie, die sich besonders in der zweiten Hälfte dieser EP bemerkbar macht. Jetzt wo ich mal drüber nachdenke, meine ich auch ein bisschen Video oder frühe Bad Breeding zu hören.
Neues Futter für Kerkerkinder und anderes mittelalterliches Punkgesocks. Sword Breaker aus Utrecht, Niederlande hatten schon einen starken Eindruck hinterlassen mit ihrem 2022er Demo und ihr Langspieldebüt liefert jetzt hochwertigen Nachschub von diesem schädelspaltendem Vergnügen, welches sich recht einfach als „Poison Ruïn und die Folgen“ kategorisieren lässt. Das bedeutet aber keineswegs, dass diese Songs nicht für ihren ganz eigenen, exquisiten Nervenkitzel sorgen würden in ihrer vergleichsweise rohen und simplen Art, mit der sie das Mikrogenre angehen (wenngleich auch mit einer marginal polierter wirkenden Produktionsästhetik), was insgesamt mehr ’70er Hard Rock- als ’80er Heavy Metal-inspiriert erscheint und gleichzeiting etwas stärkere Oi!- und Garage Punk-Vibes mitbringt mit einem zusätzlichen Hauch von Wipers und subtilen Spuren von britischer Psychedelia.