Pill Mill – Pill Mill

Es gibt nichts schlimmeres als mittelmäßige Hardcorebands, der Fluch meiner traurigen Existenz. Was wollte ich jetzt noch mal sagen? Hab ich vergessen. Wie auch immer, die neue Pill Mill EP gehört definitiv nicht in die Kategorie. Was relativ oldschooligen Hardcore Punk angeht, haben diese acht Songs in nur etwas über acht Minuten jeden Thrill und Luxus an Bord den man sich wünschen kann – nicht nur schießt hier eine komplett entgleiste Performance mit unnachgiebiger Wucht ganz glorreich über’s Ziel hinaus, sondern der Scheiß ist auch vollgepackt mit saumaßig eingängigen Hooks und einer Fülle von unerwarteten Wendungen und verrückten Einfällen.

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Walter Ego – Smoke On The Walter

Neue Eggpunk-Ware erster Güte kommt zu uns von Ein-Mann-Band/Schlafzimmerprojekt Walter Ego aus Aschaffenburg. Wenngleich der Scheiß sich auch klar auch die eine oder andere Scheibe bei etablierten und vertrauten Klangterrorristen á la Prision Affair, Billiam, Beer, Set-Top Box oder Nuts abgeschnitten hat, trifft er dabei aber gleichsam mit jedem Versuch voll ins Schwarze mit einer fachmännisch eingepegelten Mid-Fi-Ästhetik, die geschickt Garagenknusper mit Eggpunk-Sonderlichkeiten balanciert und obendrein sind Race The Alps und insbesondere Forevermore (In The Dungeon) schon jetzt nicht weniger als zertifizierte Instant-Genreklassiker.

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DE()T – Welcome To The Idiot Factory

Die letztjährige Debüt-LP dieser Band aus Raleigh, North Carolina hatte bereits einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen und ihre neueste EP, die uns über den lokalen Genre-Giganten Sorry State Records erreicht, schlägt weiterhin in eine ähnliche Kerbe, aber es lassen sich auch graduelle Anpassungen feststellen. So fühlt sich die gesamte Klangästhetik etwas weniger grimmig an als sie es auf der LP noch war, nicht zuletzt auch dank quietschender Spielzeugkeyboard-Vibes und einer Fülle reichlich verschrobener ideen, die hier ein ausgezeichnetes Gegengewicht zu ihrer klanglichen Abrissbirne zwischen den Welten von Noise Rock und Synth Punk abgeben, die mich erneut an so einige Bands der Sorte Isotope Soap, Broken Prayer, Powerplant, Kerozine oder Beef denken lässt.

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Pen16 – Magic Touch

Na das ist ja mal eine beeindruckend selbstsichere zweite EP von dieser Band aus Philadelphia, die jetzt auf einer netten rosa Kassette vom Spezialisten für moderat poppigen Punk Dead Broke Rekerds (wieder-)veröffentlicht wurde. Die präsentiert eine dichte Ladung von kalorienreichen Ohrwürmern, die eine Spur von ’90er Indierockern á la Superchunk, Sebadoh, Seam und Superdrag mit einer ungleich höheren Dosis von gegenwärtigen Power Pop-Sensationen wie Teenage Tom Petties, Bad Sports, Teen Line, Night Court, Tommy And The Commies, Ex-Gold und Mr. Teenage verbindet und es sind dabei jederzeit ihre treffsicheren Songwriting-Skills die diese Tunes auf ein Niveau weit über’m Genredurchschnitt heben.

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Havana Syndrome – Kill Your Brain

Eine saftige Sprengladung von Synth-veredeltem in-your-face Hardcore- und Garage Punk, der in einem Akt von seliger Renitenz den Karren geradeaus in den Abgrund fährt. Das ist was uns auf dem Debüt-Tape von Havana Syndrome aus Buffalo, New York begegnet. Einerseits hat das etwas von dieser entgleisten Lumpy And The Dumpers-Energie und einer schnörkellosen Attacke nicht unähnlich zu jenem Feed/Zhoop/Brundle/Djinn/Nightman/etc-Typen, aber ebenfalls fühle ich mich an eine ganze Tüte von variabel Egg-mäßigen Bands erinnert wie etwa Quitter aus Baltimore, die Italiener The Bad Plug, die griechische Eggpunk-Seuche Μπριτζολιτσεσ und außerdem ist da unbestreitbar auch ein Hauch von frühen Skull Cult oder Research Reactor Corp. mit im Spiel.

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Snarewaves – Alcohol Ladder

Die neuesten drei Minuten von Snarewaves-Lärm sind vielleicht das erste mal, das wir eine vorsichtige aber deutliche Modifikation ihrer Gewinner-Punkformel feststellen können insofern, als dass die ersten drei Tracks hier nicht nur das Tempo etwas zurücknehmen sondern auch ihr Klangbild ein bisschen entrümpeln so dass ich diesmal zu 90% sicher bin hier z. B. echte Gitarren zu hören und nicht, wie ich ursprünglich vermutet hatte, Bit-gequetschte LoFi-Samples. Dabei kann ich positiv berichten, dass ihr Songmaterial fähiger als je zuvor ist, ihren exzentrischen Sound auch dann zu tragen, auch wenn er weniger wild durch den Fleischwolf gejagt wird und sich weniger auf die verschleiernden und beschönigenden Effekte einer extra-knusprigen Ästhetik verlassen kann.

Assembly / Tee Vee Repairman / Smirk / Shop Talk

Die letzten paar Wochen hatten eine Fülle von starken 7″s und digitalen 2-Song-Veröffentlichungen auf Lager und ich bin schon wieder weiter im Rückstand mit der Bloggerei als geplant, weil diese Woche – neben meiner ständig unter Kapazität laufenden Birne – auch noch mit einen Familiären Notfall meine Aufmerksamkeit forderte, deshalb nehme ich mir mal die Freiheit, hier einfach die vier Stärksten davon zusammen in einem Post zu verbraten.

Die größte Überraschung davon war sicher die Debütsingle von Assembly, auf der die Band aus Atlanta ein breites, eklektizistisches Spektrum im Postcore, Noise- und Math Rock-Umfeld umspannt das von ’90er und 2000er Dischord-mäßigen Sounds etwa von Faraquet, Bluetip und Q And Not U über weitere ’90er Zeiterscheinungen wie Polvo, Braniac oderChavez hin zu mehr oder weniger aktuellen Noise Rock und Art Punk-Bands der Sorte Wax Chattels, Solderer, Body House, Haunted Horses reicht aber auch ganz besonders Spray Paint und den damit assoziierten späteren Acts Rider/Horse und During.

Die Australier Tee Vee Repairman – ja genau, win weiteres Projekt von Gee Tee’s Ishka Edmeades – setzten ihrer noch recht kurzen aber brillianten Diskografie ein weiteres Sahnehäubchen drauf mit einer neuen 7″, deren Songs man ohne Not als zwei ihrer Besten erachten darf von einer Band, deren schaffen jetzt schon nicht gerade arm an infektiösen Power Pop-Melodien war.

In eine verwandte Kerbe schlägt dann auch die neue 7″ von Smirk (aka Nick Vicario von Public Eye, Crisis Man und Cemento), die auch ihn dabei dokumentiert wie er sein Songwriting-Handwerk verfeinert und erweitert, dabei an Orte geht, die wir bisher noch nicht von ihm gesehen haben. Domestic Dog verschweißt dabei Anarcho- und Post Punk-Elemente der alten Schule mit einer unerwarteten ’77er Melodiösität und einer fast schon Television-mäßigen Weiträumigkeit. Jene zieht sich dann auch durch Manhunt in Paradise, das insgesamt ein bisschen klingt als wäre die jüngste Institute LP noch einen Schritt weiter gegangen in ihrer Art Punk-Eleganz.

Zu guter Letzt und in einem ziemlichen Kontrast zu den vorherigen Bands hier, haben wir noch ein Beispiel einer Band die uns schlicht und ergreifend mehr von ihrer gleichen alten Masche serviert, aber was für eine brilliante gleiche alte Masche das ist auf der neuen 7″ der New Yorker Shop Talk, die mich bisher noch mit jeder Veröffentlichung weggeblasen haben und auch mit dem neuesten Kurzspieler kann man nichts falsch machen. Museum Of Sex ist ein weiteres Beispiel für makellosen ’77-beeinflussten Punk mit diesem gewissen Dickies-Geschmack wohingegen das etwas filigraner gebaute Gaslight das Tempo etwas zurücknimmt und in einen ungleich melancholischeren Vibe getränkt ist, sowie einer zu gleichen Teilen Buzzcocks- und Replacements-mäßigen Qualität. Hammersong, nuff said.

Radioactivity – Time Won’t Bring Me Down

Ich bilde mir gerne ein dass ich eigentlich eher wenig anfällig für rasende Fanboy-ismen bin und versuche die wenn’s geht zu vermeiden hier, aber das dies ist eine der wenigen Angelegenheiten wo ich meine Euphorie nicht zurückhalten kann angesichts einer neuen LP von einer einmaligen Band, die bereits solch massive Schockwellen durch das Garage Punk-Umfeld verursacht hat und die Messlatte siginfikant erhöht hat was catchy Popmelodien mit einem tiefen und einzigartigen Sinn für Melancholie betrifft… und all das, nachdem Jeff Burke und Mark Ryan sich zuvor schon als unbezahlbare Garage Punk-Lichtgestalten mit dem Genre-Bollwerk The Marked Men etabliert hatten. Ohne Umschweife behauptet sich der eröffnende Titelsong als ein weiterer Instant-Klassiker der unverwechselbaren Radioactivity-Schule und Watch Me Bleed führt den vertrauten Vibe nahtlos fort, bevor This One Time zum ersten mal das Tempo empfindlich drosselt und damit darauf einstimmt, was in weiten Teilen dieser Platte folgen wird, auf der die Band mehr als je zuvor ihren Sound in entspanntere, geradezu klassich powerpoppige Bahnen lenkt, ein Vibe der in Teilen sicher jenen schon bekannt vorkommen wird, die mit Jeff Burke’s Material auf den beiden Lost Balloons-Alben vertraut sind, aber insbesondere in der ersten Hälfte sind auch reichlich energischer rockende Momente vertreten, um auch alle Fans der ersten beiden LPs erneut zu verzaubern. Nun, für die meisten geringeren Punkbands wäre es generell eine schlechte Idee und eine hochdosierte Schlaftablette, mehr als die Hälfte eines Albums im Midtempo-Bereich anzusiedeln. Damit sowas funktioniert braucht es wahrlich überlegene Fähigkeiten in Sachen Songwriting und Arrangement und was soll ich sagen… macht Bekanntschaft mit Jeff Burke, einem der brilliantesten Songwriter der gegenwärtigen Punkszene, dessen unfehlbares Handwerk noch nie versagt hat und es auch hier nicht tut auf der vielleicht stärksten Radioactivity-Platte bisher. Aber ganz ehrlich, in einer so perfekten Diskografie ist es eigentlich kompletter Unsinn, einen Favoriten zu wählen.

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Tethered – Tethered

Diese Londoner sind ein irgendwie rar gewordenes Biest dieser Tage als eine Band, die sich kopfüber in eine Ästhetik des frühen Post- und Emocare, sehr grob zu verorten zwischen den mittleren der Achtziger- und Neunzigerjahren mit so Bands wie Rites Of Spring, Moss Icon, Drive Like Jehu, frühen Unwound, Squirrel Bait… you name it, aber gleichzeitig behauptet sich die Band als absolut eigenständige Kraft mit sorgsam ausbalancierten, durchdachten Songstrukturen und Arrangements, wo viele andere sich schon mit einem blutarmen Neuaufguss der grundlegenden Genreklischees zufrieden gäben. Nun kann ich mir zwei Arten vorstellen, wie ihr darauf reagieren werdet. Entweder habt ihr schon lange ein tiefe Abneigung entwickelt für alles was auch nur ansatzweise diverse *mo-Subgenres tangiert. Das ist durchaus wahrscheinlich wenn deine erste Bekanntschaft mit dem Genre in den späten 90ern oder später stattfand und ich kann es niemandem übelnehmen angesichts der oft sehr grausigen Dinge, die seither jenem Genre entsprangen. Oder aber du bist dir bewusst, dass da viel mehr Substanz drin steckte in den frühen Jahren, lange bevor Emocore in seine schon seit langem zu tode memifizierte Klischee-Phase überging. Wenn das jetzt alles lateinisch oder chinesisch für dich klingt, will ich dich ermutigen, mal vorsichtig in die frühen Post- und Emocore-Jahre einzutauchen und Zeuge der entfesselten kreativen wie auch physischen Energie zu werden, die viele der Genre-Pioniere gemeinsam hatten. Wie auch immer, lange Rede kurzer Sinn, das ist guter Scheiß hier!

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Disaster Preparations – The Secret

Das ist mal ein irsinnig beeindruckendes Debüt dieser von Tokyo aus agierenden Band, die darauf einen perfekten Sturm entfesselt aus melodischem und gleichermaßen antriebsstarkem Noise Pop und Garage Punk mit einer unberechenbar freidrehenden kreativen Energie in seinem Kern, wo keine zwei Songs sich allzu sehr ähneln und das Ganze dennoch wie aus einem Guss erscheint wenn sie sich durch neun Instanzen von eingängigem Lärm iterieren, der so ungefähr zwischen den straighteren Klängen etwa von Dark Thoughts, Sonic Avenues, Bad Sports oder frühen Terry Malts einerseits alterniert, und den deutlich abgefahrer agierenden melodischen Attacken wie wir sie zuletzt etwa von Eye Ball und The Dumpies gehört haben.

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