Metz - Strange Peace

Al­bum Num­mer drei der Noi­sero­cker aus To­ron­to, die es der­zeit wohl als ein­zi­ge Band die­ses Gen­res schaf­fen, ein ge­wis­ses Maß an Me­di­en-Buzz zu ge­ne­rie­ren. Mir fie­len so ei­ni­ge Bands ein, die das auch ver­dient hät­ten. Aber in der ge­gen­wär­ti­gen Auf­merk­sam­keits-Öko­no­mie der Mu­sik­me­di­en scheint kein Platz für mehr als ei­ne der­ar­ti­ge Band zu sein. Metz wa­ren halt früh ge­nug da­bei, be­vor al­les den Bach run­ter ging (dar­über ha­be ich mich hier ja schon mal aus­ge­las­sen…).

Gro­ße Ver­än­de­run­gen braucht man bei die­ser Band ja nicht zu er­war­ten, den­noch kann man ein paar Neue­run­gen fest­stel­len. So fin­det man auf dem neu­en Al­bum ei­ne un­ty­pi­sche, zag­haft ein­ge­setz­te Me­lo­diö­si­tät und ver­ein­zel­te psy­che­de­li­sche Ein­flüs­se, wie sie am deut­lichs­ten in Sink zum tra­gen kom­men. Ich bin dies­be­züg­lich et­was ge­spal­ten. Ei­ner­seits über­zeugt die Band im­mer noch am meis­ten, wenn sie in klas­si­scher Ma­nier los­bol­lert. An­de­rer­seits wird es aber auch Zeit für mu­si­ka­li­sche Wei­ter­ent­wick­lung. Es ist näm­lich frag­lich, ob die Welt noch­mal ei­nen Neu­auf­guss der ers­ten zwei Al­ben braucht.



The Persian Leaps - Bicycle Face

Schon wie­der Herbst. Herbst ist im­mer 'ne Scheiß­zeit. Mein doo­fes Hirn braucht viel Son­ne um halb­wegs zu funk­tio­nie­ren und geht jetzt in den kal­ten Ent­zug. Aber auf ei­ne Sa­che kann ich mich je­den Herbst freu­en, und das schon seit ei­ni­gen Jah­ren: Dass die Power­pop­per The Per­si­an Le­aps aus St. Paul, Min­nesso­ta pünkt­lich zum Sep­tem­ber ei­ne neue EP ab­lie­fern. Auch dies­mal ist das wie­der ei­ne schön run­de An­ge­le­gen­heit ge­wor­den. Me­lo­disch-me­lan­cho­li­scher Power­pop, der kei­ne über­trie­be­nen Am­bi­tio­nen hegt, da­für aber kon­stant und zu­ver­läs­sig mit grund­so­li­dem Song­ma­te­ri­al auf­war­tet.


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Nasti - Big Achievements

Ein bren­nen­des En­er­gie­bün­del aus räu­di­gem Hard­core­punk, ei­nem ge­wis­sen Post­core-An­teil und ei­nem herz­haf­ten Noi­se-Nach­bren­ner ist der ers­te Lang­spie­ler von Nas­ti aus Se­at­tle. Im Bol­ler­mo­dus, der hier do­mi­niert, tre­ten sie schon sehr be­acht­lich Po­po. Aber die ei­gent­li­chen Glanz­stü­cke des Al­bums sind in mei­nen Au­gen die im Tem­po ge­dros­sel­ten Songs Sta­le und Atro­phy, bei de­nen sich die Band sti­lis­tisch et­was wei­ter aus dem Fens­ter lehnt.



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Luxury - Blue Wates /​ Two Swans

Schi­ckes Teil, die di­gi­ta­le De­büt­sin­gle von Lu­xu­ry aus New­cast­le. Halb­wegs kon­ven­tio­nel­len, aber auch mehr als grund­so­li­den Post­punk kann man dar­auf ver­neh­men. In et­wa das, was ich mir von der letz­ten Pu­ri­tans 7" ge­wünscht hät­te.

Michael Beach - Gravity/​Repulsion

Ich bin ge­ra­de et­was über­wäl­tigt von emo­tio­na­len Kraft die­ser Plat­te. Von der er­grei­fen­den Me­lan­cho­lie, dem rei­nen, gro­ßen Herz die­ser Songs. Die­ses Jahr war nicht arm an gu­ter Mu­sik, aber es ist echt lan­ge her, dass mich ein Al­bum so be­wegt hat. In Zei­ten des post­mo­der­nen, iro­nisch von sich selbst di­stan­zier­ten Rock'n'Rolls, des­sen See­le sich meist nur auf ei­ner ver­schwur­bel­ten Me­ta­ebe­ne of­fen­bart, ist der grund­ehr­li­che und voll­kom­men un­iro­ni­sche, den­noch be­schei­de­ne und nie­mals prä­ten­tiö­se In­die Rock von Mi­cha­el Be­ach ein un­er­war­te­tes und wert­vol­les Ge­schenk. Mu­sik, die in je­der Hin­sicht am Zeit­geist vor­bei geht, der das ab­so­lut be­wusst und glei­cher­ma­ßen scheiß­egal ist.

Mi­cha­el Be­ach kommt aus Mel­bourne und ist man­chen viel­leicht auch als Sän­ger und Gi­tar­rist der viel lau­te­ren Band Sho­vels be­kannt. An die­ser Stel­le ist er vor län­ge­rer Zeit schon mal mit sei­nem drit­ten Al­bum Gol­den Theft auf­ge­fal­len, das schon ei­ni­ge gro­ße Mo­men­te hat­te, aber auch sehr frag­men­tiert wirk­te, un­ent­schlos­sen zwi­schen fol­ki­gen Ame­ri­ca­na-Ein­flüs­sen und klas­si­schem In­die­rock os­zil­lier­te. Dass wir es mit ei­nem be­gna­de­ten Song­wri­ter zu tun ha­ben, mach­ten des­sen Hö­he­punk­te aber schon en­drucks­voll klar.

Das neue Mi­ni­al­bum Gravity/​Repulsion wirkt da mehr wie aus ei­nem Guss und ze­le­briert ei­ne Form von In­die­rock, die schon lan­ge aus­ge­stor­ben scheint. Auf's We­sent­li­che re­du­ziert, auch in der Lauf­zeit. Ge­ra­de mal fünf Songs, plus drei in­stru­men­ta­le In­ter­lu­des. Aber die­se fünf Songs sind ein­fach bril­li­ant, ge­hö­ren in ih­rer Be­sin­nung auf die klas­si­schen Song­wri­ting-Tu­gen­den zu den be­ein­dru­ckends­ten Stü­cken Mu­sik, die mir die­ses Jahr be­geg­net sind.

An ir­gend­et­was er­in­nert mich das die gan­ze Zeit. Die Mu­sik löst ein star­kes De­ja Vu aus, zu ei­nem Mo­ment, den ich ein­fach nicht zu grei­fen ver­mag. Ich ha­be die letz­te Stun­de da­mit ver­bracht, da­nach zu su­chen. Bin ge­dank­lich al­les durch­ge­gan­gen, was mich mu­si­ka­lisch ge­prägt hat. Mein di­gi­ta­les Mu­sik­ar­chiv sys­te­ma­tisch durch­fors­tet, auf der Su­che nach der Plat­te, die ir­gend­wann et­was ähn­li­ches in mir aus­lös­te. Aber al­les was ich fin­de, sind ein paar Bits and Pie­ces. Hier und da fin­det man ei­ne va­ge Ver­wandt­schaft zu Un­cle Tu­pelo, den spä­te­ren Re­pla­ce­ments, fol­kig an­ge­hauch­ten Power­pop­pern wie Buf­fa­lo Tom oder den Le­mon­heads. Fet­zen von Neil Young, Gui­ded by Voices oder 90er Di­no­saur Jr, An­klän­ge an Bo­wie und Reed. Al­les eher hin­ken­de Ver­glei­che und ich ver­su­che im­mer noch den Code zu kna­cken.

Aber viel­leicht ist es ge­nau die­ses Ge­fühl, das die­se Songs trans­por­tie­ren. Der Ge­dan­ke, et­was al­tes, et­was lieb­ge­won­ne­nes ver­lo­ren zu ha­ben. Und ums ver­re­cken nicht zu wis­sen, was es ist. Plötz­lich ist da ei­ne Me­lo­die in dei­nem Kopf. Oder ein ver­schwom­me­nes Bild, ein Zi­tat oder ein­fach ei­ne selt­sam be­kann­te, aber nicht de­fi­nier­ba­re Emo­ti­on. Ganz klar zapft es dein Un­ter­be­wusst­sein an. Aus un­er­klär­li­chen Grün­den fühlst du ei­ne Eu­pho­rie, ei­nen Schmerz, wirst ru­hig oder auf­ge­wühlt. Nicht von un­ge­fähr han­delt der viel­leicht schöns­te Song von Freund­schaft und Ver­gäng­lich­keit. Lang­fris­tig ver­ges­sen wir al­les. Auch oh­ne den gro­ßen Aha-Mo­ment bin ich dank­bar, dass die Mu­sik mit ei­nen ver­ges­se­nen Teil mei­ner Per­son re­so­niert. Mit Si­cher­heit die schöns­te Plat­te die­ses Jah­res.



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Upper Wilds - Guitar Module 2017

Das lau­tes­te Po­pal­bum die­ses Jah­res kommt von ei­nem New Yor­ker Pro­jekt. Da­hin­ter steckt nie­mand we­ni­ger als Dan Friel, einst­mals Sän­ger, Gi­tar­rist und Elek­tro­schrau­ber bei den Psych­de­lic-Syn­th-Noi­se­pop­pern Parts & La­bor. Gui­tar Mo­du­le 2017 hat er noch im Al­lein­gang ein­ge­spielt, aber in­zwi­schen sind Up­per Wilds ei­ne rich­ti­ge Band. Hier mach Friel so ziem­lich al­les, wo­für man P&L in der Ver­gan­gen­heit lieb­ge­won­nen hat­te, nur viel mehr da­von. Der Lärm der frü­hen Al­ben trifft auf die eu­pho­ri­schen Me­lo­dien und den Psy­che­de­li­schen Un­ter­ton der letz­ten zwei Lang­spie­ler. Zu den über­le­bens­gro­ßen, fast schon ins ab­sur­de über­höh­ten Gi­tar­ren­wän­den ge­sel­len sich hier eben­so der­be ver­zerr­te Drum-Sam­ples und über­haupt sind Up­per Wilds noch viel, viel lau­ter als Parts & La­bor es je­mals wa­ren. Men­schen die we­der Lärm noch Me­lo­dien mö­gen, ra­te ich nach­drück­lich vom Ge­nuss die­ser Plat­te ab.



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Powerplant - Dog Sees Ghosts

Schö­ne De­büt-EP ei­ner Lon­do­ner Band, die dar­auf ei­nen an­ge­nehm ka­put­ten, halb­wegs pri­mi­ti­ven Ga­ra­ge-/Syn­th­punk-Hy­bri­den fa­bri­ziert. Das klingt et­was nach ei­ner Mi­schung aus Di­gi­tal Lea­ther und Aus­mu­te­ants, ver­fei­nert (oder eher: ver­grö­bert) mit ei­ner Spur von Gi­or­gio Mur­de­rer.



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Tongue Party & USA Nails - Split 7"

Ei­gent­lich bin ich ja kein gro­ßer Freund die­ser Spiel­art von Noi­se Rock, die sich über­wie­gend aus dem stark be­grenz­ten Pool von aus­ge­lutsch­ten Sludge- und Stoner-Riffs be­dient. Ei­ne be­son­ders en­er­gi­sche Per­for­mance kann aber so ei­ni­ges wett­ma­chen und Tongue Par­ty aus Min­nea­po­lis wis­sen ei­ne sol­che zu lie­fern. Ganz nett, das.
Ab­so­lut über­ra­gend fin­de ich hin­ge­gen die bei­den neu­en Songs der Lon­do­ner USA Nails. Die zei­gen ei­ne Band, die sich nach drei Al­ben im­mer noch kon­stant wei­ter­ent­wi­ckelt und neue Ideen in ih­re Mu­sik ein­bringt; bei­de Songs klin­gen wie­der mal et­was an­ders, als man es bis­her von der Band kann­te. In I am the Things I Buy fin­det man hin­ter der Ne­bel­wand aus Noi­se ein un­ge­wohnt me­lo­di­sches Fun­da­ment vor; I am not the Things I Buy spielt dann äu­ßerst ge­schickt mit Ele­men­ten von Math Rock und ver­schwur­bel­ten Post­punk-Groo­ves.


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Splutter - Songs From The Cultural Gulag

Das De­mo der Band aus Man­ches­ter hat ja schon sehr or­dent­lich in die Schei­ße ge­hau­en, auf der neu­en di­gi­ta­len Sin­gle hat ihr Sound aus Fuzz und Ga­ra­ge aber noch ei­ni­ges an Kon­tur und Druck ge­won­nen. So ähn­lich wür­de ich mir ei­ne tech­nisch et­was ver­sier­te­re Va­ri­an­te von Lum­py and the Dum­pers vor­stel­len.

Dadar - Sick Of Pasta 7"

Ziem­lich gei­ler Ga­ra­ge­punk fin­det sich auf der zwei­ten EP von Da­dar aus Ro­vere­to, Ita­li­en. De­fi­ni­ti­ves Pflicht­pro­gramm für Freun­de von frü­hen Useless Ea­ters, Wet Blan­kets, Aus­mu­te­ants oder Ghet­to Ghouls. Al­les nicht die schlech­tes­ten Re­fe­ren­zen, eh?

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