Scheißmanifest

V. 0.2.1

Ein Erklärungsversuch in wirren Sätzen.
Warum saugt Musik so, wie wurde Indie Rock zu Scheiß Indie und warum mache ich das hier?


Disclaimer:
Aus Erfahrungswerten muss ich darauf hinweisen, dass der folgende Text mit hoher Wahrscheinlichkeit ein gewisses Maß an Dummheit, Subjektivität, Abschweifungen und Intoleranz enthält.

Ist noch nicht so lange her, da hat Hype Machine mal ’nen ganzen Haufen Musikblogs aus dem Index geworfen. Hat sich herausgestellt, dass einige zum Teil sehr populäre Postingbuden ein abgekartetes Spiel führten um besagter Hypemaschine mal etwas unlautere Hilfestellung zu geben. Leute aus Promoagenturen schlichen sich – vielleicht unbemerkt, vermutlich aber mit voller Kenntnis der Blogbetreiber, eventuell im Austausch gegen Bares oder andere Gefälligkeiten – als Autoren bei gleich einer Vielzahl von Blogs ein, um dort gleichzeitig die von ihnen betreuten Acts zu posten und damit jede noch so uninteressante 08/15-Combo aus ihrem Gehege in die Hypem-Charts zu äh… Hypen.

Eins dieser Blogs/Magazine dessen Namen ich hier nicht nennen werde, hat sich dann auch noch den Fauxpas erlaubt, eine grenzdebile Stellungname zu veröffentlichen. Inzwischen ist das den Leuten wohl selbst peinlich geworden, ich finde den Artikel in seiner ursprünglichen Form jedenfalls nicht wieder. ”Ja, das stimmt, dass bei uns Vertreter von Promoagenturen schreiben“, so oder so ähnlich lautete die hauchdünne Argumentation ”aber es ist doch ganz normal wenn in Musikblogs auch Blogger mit Musikbusiness-Hintergrund vertreten sind und bei uns posten sie nur Zeug das sie auch Persönlich gut finden“. Günstiger Zufall, wenn‘s gerade die eigenen Klienten sind. Es ist doch immer wieder spaßig zu beobachten, wenn sich so Idioten selbst ein Messer in den Bauch rammen.

Die Geschehnisse machten aber mal wieder deutlich, wie unterwandert viele Musikblogs und Onlinemagazine von einer Marketingmaschine sind, einer art mittelständischen ”Indie“-Industrie, die nicht viel besser ist als die großen Medienkonzerne.

Schon vor Jahren, als Facebook und Twitter noch Geheimtipps waren und als Musikblogs noch etwas populärer waren als heute, fing ein kleiner Investorengoldrausch an und Leute kamen auf die idee, dass man aus diesen trendigen Contentschleudern sicher auch ein paar Dollars oder Euros rausquetschen kann. Viele bekannte ”Indie“-Blogs und -magazine sind schon lange von größeren Investoren und Medienbuden geschluckt worden, auch wenn die Macher das wohlwissend nicht an die große Glocke hängen. Stereogum gehört z.B. zu Spin Media, Drowned in Sound ist irgendwie mit der Künstlermanagement-Firma Silentway Ltd. verwoben, Gorilla vs. Bear gehört zur Townsquare Media Group. Pitchfork, früher einmal unabhängig, gehört inzwischen zum Condé Nast Medienimperium (GQ, Vanity Fair, Vogue) und dem lukrativen Deal ging schon eine längere Entwicklung hin zu einer auffällig kommerzielleren Ausrichtung voraus. Und das alles ist nur die Spitze des Eisbergs. Kein Wunder also, dass die heutige Indielandschaft einfach nur zielgruppenorientiert und klickoptimiert erscheint. Was populär in Blogs und Sozialen Medien ist, wird zu einem viel zu großen Teil von den Promoabteilungen einer Art ”Musikindustrie light“ gesteuert und gleichgeschaltet.

Auch unabhängige Blogger, habe ich den Eindruck, versuchen zunehmend etwas Kohle raus zu quetschen. Ist natürlich auch ihr gutes Recht das zu versuchen, aber das gipfelt dann halt fast unvermeidlich in Kompromissen und Optimierungen zulasten des Inhalts. Schleichend wird dann die zu postende Musik immer mehr nach ihrer Massenwirkung als nach persönlichem Geschmack und Qualität ausgewählt. Die Headlines werden schön Suchmaschinenoptimiert. Promo-Tonträger und -downloads nimmt man gerne an und postet das Zeug dann auch brav damit man bloß nicht in Ungnade fällt.

Das ist aus meiner Sicht der derzeitige Stand der Dinge in Sachen Musikblogs und symptomatisch für die ganze Indie-Kultur.

Ebenfalls ein Faktor ist m.E. aber auch die zurecht belächelte Hipsterkultur. In diesen angesagten Kreisen ist Musik ein Lifestyleprodukt geworden, gleichwertig mit deiner viel zu großen Sonenbrille, dem ganzen knallbunten Fummel den du am Leib trägst und deinem Fixie-Bike, dass du immer den Berg hochschieben musst, weil dir ein Rad mit Gangschaltung viel zu uncool ist. Ein einfaches Ziel für gerissene Marketingspacken und mit einer der Gründe dafür, dass sogenannter Indierock häufig kaum noch von aalglatter Top40-Mucke zu unterscheiden ist. Man muss halt die Zielgruppe erweitern, wenn man den Kiddies dieses ach so hippe Zeug verkaufen will. Dann kann sich Lieschen von nebenann auch mal voll Indie fühlen und sich doch zu einer großen und hippen Gruppe zugehörig fühlen.

Das Internet mit all seinen Versprechen von demokratischer, organischer Selektion hat auf ganzer Linie versagt wenn‘s um Musik geht (und natürlich nicht nur da). Business as usual, mit dem einzigen Unterschied, dass jetzt digitale Downloads und Streamingservices die Rolle der physischen Tonträger übernehmen.

Dieser ganze Sch*** war für mich der Hauptgrund, dieses Blog zu starten. Als süchtiger Konsument von zahlreichen Musikpublikationen wurde ich immer frustrierter, es gab und gibt nur wenige Blogs und Magazine, die noch einen haupt- oder nebensächlichen Fokus auf die Untergrundszenen in den von mir geliebten Nischen legen, und die wenigen die es gab waren fast allesamt Englischsprachig. Im deutschsprachigen Raum klaffte da einfach ’ne riesige Lücke und ich war so dreist da mal kopfüber rein zu springen.
Hätte ich 12XU gestartet, wenn es schon so 2-3 relevante Blogs in dieser speziellen Nische gegeben hätte? Vermutlich nicht. Schaut euch doch mal diesen Text an, der ist scheiße. Schreiben ist nicht mein größtes Talent. Hätte jemand schon dasselbe in besser gemacht, hätten mich beißende Selbstzweifel garantiert daran gehindert, mich da noch zwischen zu zwängen. Ich bin so ein Mensch. Ständig besorgt und unsicher. Unter fremden Menschen werde ich nervös. Nach jeder Zeit unter Menschen muss ich erst mal wieder ’ne Weile allein sein um klarzukommen. Äußerlich bin ich in etwa so Punk wie ’ne Birkenstocksandale. Was sollte so ein Hansel wie ich denn da noch beitragen? Alles was ich als Blogger zu bieten habe ist eine große Leidenschaft für Melodien und unangepassten, oft schrägen, manchmal extremen Lärm. Und wer kümmert sich darum, wenn ich’s nicht selber mache?

Ich hoffe aber dass bald wieder mehr ähnlich gesinnte Leute das Ruder in die Hand nehmen, einfach mal was Webmäßiges starten, die Blogwelt um eine interessante Facette bereichern und sehen wohin die Reise führt. Vielleicht ermutigt das ja den einen oder anderen dazu. Man braucht zwar einen langen Atem, die Leserschaft entwickelt sich langsam. Aber wenn auch nur eine Handvoll Leute was damit anfangen können und ein paar tolle Bands entdecken, war es das schon wert. Wir brauchen dringend mehr DIY-mäßige Blogs, die abseits von wirtschaftlichen Interessen ihr eigenes Ding machen.

Darüberhinaus hoffe ich darauf, dass die aktuelle Web- und Social Media-Blase endlich mal platzt, Facebook irgendwann pleite geht und die ganzen Marketingspacken an Boden verlieren. Dass sich Leute wieder ihr Internet selbst bauen. Dass neue Communities entstehen die wirklich einen sinnvollen Austausch ermöglichen, auf Plattformen, die nicht auf die Werbeindustrie angewiesen und von ihr gelenkt sind.
Nur ein naiver Traum?

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