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Blogathon 2010: The Yakuza Papers (Battles Without Honor and Humanity)

Battles Without Honor and Humanity (Jingi naki tatakai) (IMDB/OFDB)

Deadly Fight in Hiroshima  (Jingi naki tatakai: Hiroshima shito hen)(IMDB/OFDB)

Proxy War (Jingi naki tatakai: dairi sensô) (IMDB/OFDB)

Police Tactics (Jingi naki tatakai: Chojo sakusen) (IMDB/OFDB)

Final Episode (Jingi naki tatakai: Kanketsu-hen) (IMDB/OFDB)

Japan, 1973-’74

Regie: Kinji Fukasaku

2007 erschien „Battles Without Honor and Humanity“ erstmals in Deutschland auf DVD und ließ mich damals ziemlich ratlos zurück. Was war das bloß für ein seltsames Ding von einem Film, der innerhalb der ersten Viertelstunde schon so viele Charaktere einführt und zur Schlachtbank führt, dass es schon für zwei „normale“ Filme gereicht hätte? Der scheinbar auf moralische Werte pfeift, keine Position zum Geschehen bezieht, keinen klaren Helden oder so was wie eine Hauptfigur erkennen lässt und zum Schluss ein unbefriedigendes offenes Ende serviert, als wolle er einem sagen, dass die vergangenen anderthalb Stunden eh vollkommen sinnlos waren?

Ein paar Jahre später bin ich etwas schlauer, ein wenig besser mit dem Werk des Regisseurs (der hierzulande meist nur mit seinem umstrittenen Spätwerk „Battle Royale“ in Verbindung gebracht wird) und dem Yakuza-Genre im allgemeinen vertraut und weiß jetzt vor allem auch, dass es sich bei dem Film um den Auftakt einer fünfteiligen Reihe handelt, auf die dann auch noch ein dreiteiliges Sequel folgen sollte. Keine Ahnung was sich die deutschen Publisher dabei gedacht hatten, den Film so außerhalb seines Kontextes zu veröffentlichen, aber jetzt habe ich mir endlich mal die Zeit genommen, dieses ungewöhnliche Epos in voller Länge zu begutachten.

Wie schon gesagt, regiert von Anfang an das Chaos. Im ersten Teil werden wir Zeuge, wie eine Hand voll Kleinganoven in Hiroshima das allgemeine Nachkriegschaos dazu nutzen, zu einflussreichen Yakuzasyndikaten aufzusteigen. Von Anfang an schockt die schnörkellose Brutalität, mit der die Machtkämpfe der rivalisierenden Gangs inszeniert werden. Da ist nix mit stilisierter Choreographie und coolen Actionstandards; die Gewaltausbrüche sind schnell, dreckig, realistisch und ihr Ausgang oft unvorhersehbar. Mit maßvollem Handkameraeinsatz in den Actionszenen zieht Fukasaku den Zuschauer mitten rein ins Chaos auf der Leinwand. Statt ihm das Geschehen fein sortiert auf dem Silbertablett zu servieren, ist dieser erstmal überwältigt und fragt sich, wass zum Henker denn gerade eigentlich geschehen ist.

Auch auf der Handlungsebende machen die Filme es dem Zuschauer nicht unbedingt leicht. Mit einer geradezu dokumentarischen Distanz und in halsbrecherischem Tempo spulen sie das Geschehen ab, und wenn man, so wie ich etwa, ein eher mangelhaftes Namensgedächtnis besitzt, wird es mitunter schwierig, die unzähligen Verschwörungen, Feind- und Partnerschaften, Charaktere und ihre Zugehörigkeit und Motive einzuordnen. Möglicherweise beabsichtigte Fukasaku auch genau das, auf jeden Fall hat es mich nicht gestört, nicht jeden einzelnen Handlungsstrang zu überblicken, vielmehr macht diese Tatsache die Unüberschaubarkeit und Turbulenz der Ereignisse geradezu körperlich spürbar.

Anfangs gibt es kaum Bezugspunkte, einen klaren „Helden“ oder eine erkennbare Hauptfigur, an welcher der Zuschauer sich festklammern könnte und die ihn durch die Handlung führt. So ab dem zweiten Teil wird jenem aber dann doch ein Minimum an notwendigem Halt geboten, indem sich langsam der eigenbrötlerische Hirono und sein Grüppchen als ein roter Faden herausstellt, der die ganze Handlung zusammenhält. Das ist auch dringend nötig, ist er doch die einzige wirkliche Konstante in diesem Film, in dem die Fronten schneller gewechselt sind als die Unterwäsche der beteiligten und anfangs kaum jemand länger als einige Leinwandminuten überlebt.

Auch das bessert sich ab dem zweiten Teil merklich. Langsam kristallisieren sich die einzelnden Banden und ihre (wie immer, vorläufige) Rolle im Geschehen heraus. Der Fokus bei den gewaltsamen Auseinandersetzungen verlagert sich zunehmend auf die kleinen Fische und ihre schnelle Dezimierung im Schlachtengefecht, und obwohl sie meistens schon bald wieder auf blutige Art und Weise von der Bildfläche verschwinden, schenkt der Film ihnen die gleiche Aufmerksamkeit wie ihren Bossen und Drahtziehern. Dank dieser Verlagerung der Schlachtfelder bildet sich dann unter den höheren Tieren auch endlich so etwas wie ein „festes“ Ensemble heraus, lenkt so den Film in etwas einfacher nachvollziehbare Bahnen.

Stets halten die Filme den Zuschauer auf Distanz. Sie rechtfertigen oder verurteilen ihre Protagonisten nicht, bieten keine simplen Antworten oder eine vorgegekaute Moral. Auch für eingefahrene Konzepte von Heldentum und romantisierende Yakuzamythen ist hier kein Platz. Die Handlung verweigert sich konsequent der Einordnung durch den Zuschauer, möchte für ihn keine Antworten geben oder Schlüsse ziehen. Viel mehr ist „Battles Withour Honor and Humanity“ das bis dahin wohl schonungsloseste und  realistischste (?) Portrait vom Wiederaufstieg einer kriminellen Subkultur, die sich bis heute gehalten hat und die japanische Gesellschaft nach wie vor mitprägt.

Das alles war ein radikaler Bruch mit der bisherigen Filmtradition, denn bis dahin tendierten die Filme jenes Genres eher zu einder idealisierten Darstellung des Yakuza-Lifestyles und stilisierten ihre Protagonisten zu aufrechten Helden, die für ihre eigene Auffassung von Ehre und Gereichtigkeit kämpfen. Genau diese verlogenen Identifikationswerte lässt Fukasaku aus, überlässt es dem Zuschauer, aus dem Geschehen schlau zu werden oder auch nicht. Spätere Filme wie „Graveyard Of Honor“ (komisch, da ist sie auf einmal doch, die Ehre) trieben Fukasakus nihilistische Erzählweise noch weiter auf die Spitze, wenn zum Beispiel in letztgenanntem Film der Erzähler den brutalen, seelisch kaputten, Frauen vergewaltigenden Hauptcharakter als einen starken Helden (der genaue Wortlaut war vielleicht etwas anders, sorry) bezeichnet, ihn sozusagen zum Vorbild stilisiert, und so den Zuschauer mit aller Gewalt dazu zwingt, selbst Position zu beziehen. „Battles…“ bleibt aber sein unumstrittenes Meisterwerk, und man muss Kinju Fukasaku, von seinen ernormen handwerklichen Fähigkeiten mal ganz abgesehen, seinen Mut und seine Kompromisslosigkeit hoch anrechnen, mit der er das japanische Kino in den schwierigen Siebzigern nachhaltig veränderte und bis heute prägt.

Und wie hat sich der Film über die Jahre gehalten? Erstaunlich gut. Das von ihm eingeläutete Genre ist längst zu einer Karikatur seiner selbst geworden, „Battles Without Honor and Humanity“ dagegen sucht immer noch seinesgleichen. Klar hat der Film heute nicht mehr die Skandalwirkung, mit der er damals sein jugendliches Publikum in der politisch aufgeladenen Atmosphäre der 70er Jahre aufrüttelte. Aber ein ziemlich intensives Erlebnis ist er immer noch, und seinen Status als essentieller Klassiker seines Genres kann man ihm kaum abstreiten.

Wertung: 8/10

Comments 4

  1. Schöner Text! – mit BATTLES ging es mir ganauso, bis ich kapiert habe, wie der funktioniert und warum der so toll ist. Die Sichtung der ganzen Reihe steht bei mir auch noch aus.

  2. Schön zusammen gefasst. Empfand ich ähnlich. Hab so viel gutes von den Filmen gehört („Japanese Godfahter“ etc.) nur als ich mich dann an Battles ran machte wurde ich von einer Lawine an Informationen überschüttet was am Ende des Ersten Teils etwas ernüchternd war. „Deadly Fight in Hiroshima“ hat mich dann aber vollkommen überzeugt und meine Faszination zu der Reihe wurde bis zum Ende gehalten.

  3. Tolle Rezension! Ich glaube es wird Zeit mir auch den Rest der Reihe vorzuknöpfen.

    Übrigens ganz schön fleißig, wie du hier jeden Tag Rezension auf Rezension raushaust. Ich musste unter der Woche ja jeden Tag arbeiten gehen und war abends derart ausgelaugt, dass ich zu solch geistigen Höhenflügen nicht mehr fähig war. Ich versuche dies jetzt aber nachzuholen. 😉

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    Och ja, hatte halt grad was mehr Zeit dafür. Damit ist jetzt aber auch schon wieder Schluss und ich schau mal ob ich noch ein bisschen was „vorproduzieren“ kann für Montag und Dienstag…
    Der Blogathon soll ja in erster Linie auch Spaß machen und keinen Stress.

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