IMDB/​OFDB

Japan, 2002

Regie: Taka­shi Miike

Shangri-La (Kinyuu hametsu Nippon: Tôgenkyô no hito-bito)Die Bara­cken­sied­lung „Shan­gri-La“ ist nur auf den ers­ten Blick ein gewöhn­li­cher Slum. Ent­ge­gen dem äuße­ren Erschei­nungs­bild sei­ner Bewoh­ner, ist das Leben dort straff durch­or­ga­ni­siert und ihr Ober­haupt, der „Major“, för­dert den Zusam­men­halt der Gruppe und die ver­bor­ge­nen Talente sei­ner Leute. So wurde Shan­gri-La zu einem ganz erstaun­li­chen Bio­top und Zufluchts­ort gestran­de­ter Exis­ten­zen. Eines Tages sto­ßen zwei unwahr­schein­li­che Besu­cher auf das selt­same Grüpp­chen: Ein arbeits­los gewor­de­ner Post­an­ge­stell­ter fin­det in Shan­gri-La ein neues sozia­les Umfeld, als er – sich als Poli­zist aus­ge­bend – zufäl­lig einige Ran­da­lie­rer aus der Sied­lung ver­treibt. Kurze Zeit spä­ter, ver­sucht ein soeben pleite gegan­ge­ner Dru­cke­rei­be­sit­zer, sich unmit­tel­bar am Rande der Sied­lung in sei­nem Auto das Leben zu neh­men. Seine Firma musste Kon­kurs anmel­den, nach­dem ein Geschäfts­part­ner ihn mit einer fau­len Bürg­schaft über den Tisch gezo­gen hat. Der Sui­zid­ver­such platzt, denn gleich­zei­tig gibt es einen Ver­letz­ten in der Sied­lung, und anstatt sich das eigene Leben zu neh­men, ret­tet er das Leben eines der Obdach­lo­sen. Auch er wird mit offe­nen Armen in den Kreis schrä­gen Vögel auf­ge­nom­men und gemein­sam set­zen sie es sich zum Ziel, dem geschei­ter­ten Unter­neh­mer zu einem neuen Start zu ver­hel­fen und dabei auch noch sei­nem betrü­ge­ri­schen Geschäfts­part­ner eins aus­zu­wi­schen…

Shangri-La (Kinyuu hametsu Nippon: Tôgenkyô no hito-bito)Hier haben wir einen „ver­lo­re­nen“ Miike-Film, der es nur dank zwei­fel­haf­ter Akti­vi­tä­ten rus­si­scher Boot­leg­ger und eines unbe­kann­ten Fan­sub­bers hier­her schaffte, aber was soll man machen, wenn’s sonst nie­mand ver­öf­fent­li­chen will? Also danke, liebe Boot­leg­ger. 😉

Von Miike ist man inzwi­schen ja schon eini­ges gewohnt. Groß­ar­tige und unter­ir­disch schlechte, abar­tig-skan­da­löse und warm­her­zig-mensch­li­che Filme. In den letz­ten Jah­ren hat mein Inter­esse am aktu­el­len Werk Miikes doch sehr abge­nom­men, zu sehr ori­en­tie­ren sich seine neu­es­ten Werke am aktu­el­len Main­stream und ich warte dar­auf, dass der „gefähr­li­che“ der abge­drehte und expe­ri­men­telle Miike mal wie­der zum Vor­schein kommt. Denn eines muss man sei­nem Schaf­fen um die Jahr­tau­send­wende rum las­sen, egal wie man per­sön­lich zu sei­nen Fil­men steht: Auch wenn nicht alle seine Strei­fen über­zeug­ten, lang­weil­ten sie doch auch sel­ten. Fast alle seine Filme aus die­ser Phase waren durch­drun­gen von sei­nem typi­schen, absur­den Humor und schrä­gen Cha­rak­te­ren, und die oft rup­pige B-Movie-Ästhe­tik setzte dem gan­zen dann das gewisse Sah­ne­häub­chen auf.

Shangri-La (Kinyuu hametsu Nippon: Tôgenkyô no hito-bito)Shan­gri-La ist ein bis­her über­se­he­nes Über­bleib­sel aus erwähn­ter Phase und ein her­vor­ra­gen­des Bei­spiel für Miikes unbe­kann­tere, weil lei­sere und mensch­li­chere Seite. Trotz­dem ist das alles andere als lang­wei­lig und zahn­los. Die übli­chen Miike’schen Kalauer sind genauso an Bord wie die kaput­ten Cha­rak­tere, aber neben­bei war­tet der Film auch mit uner­war­te­ter Sozial- und Kapi­ta­lis­mus­kri­tik auf und zeigt als bis­sige Satire die Absur­di­tät und Men­schen­ferne der Finanz­wirt­schaft und ihre ver­wund­ba­ren Mecha­nis­men auf. Visu­ell muss man, wie auch schon von Miike gewohnt, ein paar Abstri­che machen, denn auch hier ist wie­der das offen­sicht­lich knappe Bud­get nicht zu ver­ber­gen und die Bil­der erschei­nen auch erneut im typisch ver­wa­sche­nen Video­look. All das ver­zeiht man ihm gerne, ange­sichts der Ori­gi­nel­len und warm­her­zi­gen Story. Ein klei­nes ver­ges­se­nes Juwel.

Wer­tung: 7/​10